Interview
«Entwicklung gemeinsam mit den Kantonen nach deren Möglichkeiten und strategischen Prioritäten»
Seit Jahren tragen die kantonalen Aktionsprogramme zu mehr Gesundheitsförderung in der Schweiz bei – mit spürbarer Wirkung. Doch wie geht es weiter, wenn neue Zielgruppen und neue Themen dazukommen? Silvia Steiner, Projektleiterin bei der Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK), gibt im Interview Einblicke, was die Kantone brauchen.
Dank den kantonalen Aktionsprogrammen (KAP) verbessert sich die physische und psychische Gesundheit der Menschen in der Schweiz. Gesundheitsförderung Schweiz setzt mit allen 26 Kantonen verschiedene Aktionsprogramme um. Welches konkrete Beispiel kommt Ihnen spontan in den Sinn, das aus Ihrer Sicht besonders gut funktioniert – und was können andere Kantone daraus lernen?
Ein Beispiel aus den KAP ist das Angebot der Femmes-Tische, welches in einer Vielzahl von Kantonen unterstützt und umgesetzt wird. Es erreicht durch den niederschwelligen und partizipativen Multiplikator*innen-Ansatz die Zielgruppen mittels Gesprächsrunden in deren Muttersprache. Die Moderator*innen der Gesprächsrunden können bedürfnisorientiert aus verschiedenen Themen (Ernährung, Bewegung, Gesundheitskompetenz, Erziehung, digitale Medien etc.) fachlich fundierte Moderationsunterlagen nutzen.
Die Kantone verfügen über viel Erfahrung und unterschiedliche erfolgreiche Ansätze. Was braucht es, damit dieses Wissen stärker zwischen den Kantonen geteilt und Gute Praxis einfacher übertragen werden kann? Welche Rolle sollte Gesundheitsförderung Schweiz dabei übernehmen?
Es braucht aktuelle wissenschaftliche und gleichzeitig praxisorientierte Grundlagen, Evaluationen, Daten und Monitoring auf kantonaler sowie gesamtschweizerischer Ebene, genügend finanzielle und personelle Ressourcen und Austauschgefässe auf fachlicher und strategischer Ebene. Gesundheitsförderung Schweiz unterstützt die Kantone bereits heute mit der Aufbereitung und Bereitstellung dieser Grundlagen, mit Rahmenbedingungen zur Konzeption der Programme, der Stärkung der Wirkungsorientierung und durch die Organisation einer Vielzahl von Austausch- und Kooperationsgefässen.
Kinder und Jugendliche sowie ältere Menschen stehen bereits seit längerem im Fokus der KAP. Seit 2025 werden in Pilotprogrammen auch Erwachsene als eigene Zielgruppe stärker einbezogen. Welche Erfahrungen machen die Kantone damit? Und wo liegen die spezifischen und neuen Herausforderungen für die Kantone? Was brauchen sie noch von Gesundheitsförderung Schweiz?
Es ist noch zu früh, diese Frage abschliessend zu beantworten, da die fünf Pilotkantone erst gerade gestartet sind und die Evaluation noch läuft. Eine Herausforderung ist sicher, dass mit der zusätzlichen Lebensphase der Erwachsenen auch neue Settings und neue Stakeholder gewonnen und bearbeitet werden müssen. Diese Aufbauarbeit braucht genügend Zeit und Ressourcen.
Künftig sollen KAP und Prävention in der Gesundheitsversorgung (PGV) stärker zusammen gedacht und die Kantone neu auch in PGV-Programme eingebunden werden.
Würde man hier die Kantone fragen, erhielte man eine Reihe von unterschiedlichen Antworten, da sich die bisherige Umsetzung der Prävention in der Gesundheitsversorgung in den Kantonen sehr heterogen präsentiert. Einige sehen viel Potenzial in einer stärkeren Verknüpfung der beiden Bereiche, andere sehen ein Risiko, dass sich die Bereiche finanziell konkurrenzieren. Es gibt auch Kantone, welche bisher überhaupt keine Angebote in der PGV hatten und auch in Zukunft aus Ressourcengründen wenig Spielraum für eine breite Erweiterung sehen.
Aus diesem Grund ist es sehr wichtig, diese Entwicklung gemeinsam mit den Kantonen und nach deren Möglichkeiten und strategischen Prioritäten zu gestalteten. Einig sind sich jedoch alle, dass es keine Verschiebung der Ressourcen von der Gesundheitsförderung hin zur PGV geben darf, da bereits heute die Mittel für die Gesundheitsförderung beschränkt sind.
Mit Blick auf die strategische Ausrichtung ab 2029: Was brauchen die Kantone künftig von Gesundheitsförderung Schweiz? Wo sollte die Stiftung stärker unterstützen, koordinieren oder Wissen bereitstellen, und wo brauchen die Kantone bewusst eigenen Handlungsspielraum?
Es braucht weiterhin aktuelle wissenschaftliche Grundlagen und Rahmenbedingungen für die Finanzierung von Programmen und Projekten. Dabei sollten auch neue Themen und Herausforderungen, die eng mit der Gesundheitsförderung zusammenhängen, zeitnah aufgegriffen und bearbeitet werden, z. B. Klimawandel, Digitalisierung, kommerzielle Determinanten der Gesundheit etc.
Wichtig sind eine partnerschaftliche Bearbeitung und strategische Weiterentwicklung der Handlungsfelder durch Stiftung und Kantone, damit diese den kantonalen Gegebenheiten Rechnung tragen und durch die Kantone umsetzbar sind. Aus Sicht der GDK als Mitträgerin der zukünftigen nationalen Dachstrategie (der Prävention von NCD und Sucht und der Förderung der psychischen Gesundheit) ist es ausserdem wichtig, dass die Stiftung ihre strategische Ausrichtung 2029+ eng mit dieser nationalen Strategie abstimmt.